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Fidel Müller als Opfer der Aktion "Arbeitsscheu Reich"

Standort Baienfurt: Marktplatz

Die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ basierte auf einem Erlass des Innenministeriums vom 14. Dezember 1937, durch den die Kriminalpolizei weitgehende Möglichkeiten bekam, auch „Arbeitsscheue“ zu inhaftieren. Der Hintergrund bestand darin, dass die straffe Durchführung des Vierjahresplans den Einsatz aller arbeitsfähigen Kräfte erforderte und ein abschreckender Effekt auf „Arbeitsbummelanten“ erreicht werden sollte.

Fidel Müller, geb. 20.8.1913, wohnhaft in der Schillerstraße, war – nach Urteil des Schularztes 1926 – „in der körperlichen, besonders aber in der geistigen Entwicklung stark zurückgeblieben“ und hatte mit 13 Jahren die Schule als nicht schulfähig verlassen. Von 1926 – 1935 arbeitete er beim Forstamt, ab 1937 verrichtete er als Hilfsarbeiter Gelegenheitsarbeiten. 1938 meldete ihn Bürgermeister Lacher – auf Anfrage des Landrats – als „arbeitsscheu“, weil er trotz körperlicher Voraussetzungen sich nicht bemühe, eine dauerhafte Arbeitsstelle anzunehmen und ständig nach wenigen Tagen eine Arbeitsstelle verlasse. Daraufhin verfügte der Landrat am 11. April 1938 die Einweisung in das Beschäftigungs- und Bewahrungsheim Buttenhausen bei Münsingen für 1 Jahr.

Müller entfernte sich vom 5. bis 8. Juni unerlaubt vom Heim. Sein Unglück war, dass im fernen Berlin Heydrich am 1. Juni eine Verschärfung der Aktion anmahnte. Am ersten Tag dieser sogenannten „Juni-Aktion“, am 13. Juni, wurde Fidel Müller im Heim von der Gestapo verhaftet und in das Amtsgerichtsgefängnis nach Münsingen gebracht. Von dort erfolgte am 27. Juni seine Einweisung in das Konzentrationslager Dachau, wo er in der Kategorie „Arbeitszwang“ geführt wurde. Am 21.März 1939 wurde er in das gefürchtete Konzentrationslager Mauthausen überführt, wo er – als „AZR“-Häftling („Arbeitszwang Reich“) kategorisiert – einen schwarzen Winkel tragen musste. In diesem als Todeslager berüchtigten KZ starb Fidel Müller mit 25 Jahren am 11. April 1939, genau ein Jahr nach dem Erlass des Landrats in Ravensburg – angeblich an Lungenentzündung. Fidel Müllers Leichnam wurde am 17. April im Krematorium in Steyr eingeäschert, seine Urne auf Antrag seiner Geschwister nach Baienfurt geschickt.

Text: Uwe Hertrampf

 

Quellen: Archiv des Landkreises Ravensburg 3.1.- Bü 286; Gemeindearchiv Baienfurt, Bü 404; Mitteilungen der KZ-Gedenkstätte Dachau und des Archivs der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

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