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Erinnerung an den Todesmarsch

Standort Bad Waldsee

Anna Warth

Gegen Kriegsende lassen zwei unterschiedliche Vorgänge im Städtchen Waldsee aufhorchen: Die tief gläubige Katholikin Anna Warth versorgte unter teils abenteuerlichen Umständen ab 1944 im KZ Dachau inhaftierte Priester mit Lebensmitteln und Medikamenten. Nach der Befreiung fand sie für etwa 20 Geistliche in ihrer Heimat eine vorübergehende Bleibe, indem sie jene in und um Waldsee als Hilfs-Seelsorger unterbringen konnte. 1964 erhielt Warth für ihr tapferes Wirken den päpstlichen Orden „Pro ecclesia et pontifice“; 1979 folgte für den „Engel von Dachau“ die Martinus- Medaille des Bistums Rottenburg. Heute ist eine Straße nach ihr benannt.

Ganz anders ist der zweite Fall gelagert. Als Dipl.-Ing. Erich Bachem 1944 von der SS den Auftrag für eine „Geheimwaffe“ bekam, ein senkrecht startendes Raketenflugzeug zu entwickeln, lehnte er das Angebot, hierzu „Schutzhäftlinge“ aus Dachau anzufordern, ab. Übrigens ist die „Ba 349 Natter“ nie zum Einsatz gekommen. Im Gegensatz zu Saulgau blieb so der Stadt ein Außenlager von Dachau erspart.

Da passt doch ins Bild, wenn am 12. August 1935 die lokale Presse schreibt, dass „es ratsam sei, in Waldsee nicht in Uniform auszugehen, da ein SA-Mann in Uniform hier nicht geachtet wäre“.

Doch die dunklen Wolken der Geschichte machten auch nicht vor der Stadt Halt: Dr. Josef Bühler (geb. 1904, hingerichtet 1948) aus dem Entenmoos wurde nach dem Studium Anwaltsassessor in der Kanzlei von Hans Frank in München, 1939 Ministerialdirektor und 1940 Staatssekretär und Vize- Generalgouverneur mit Sitz in Krakau. Als Drahtzieher der Wannseekonferenz wurde er zum furchtbaren Schreibtischtäter. „Während der Wannsee-Konferenz forderte Dr. Bühler mit der Endlösung im Generalgouvernement zu beginnen, da hier weder Transportprobleme (Vernichtungsanlagen vor Ort) noch der Arbeitseinsatz in kriegswichtigen Betrieben hinderlich seien“ (Musial S. 220).

Ein Zettel im Stadtarchiv, auf dem der französische Stadtkommandant am 2.11.1945 zur Teilnahme an einer „Trauerfeier für in Mittelurbach ermordete KZ-Angehörige“ aufrief, brachte eine ungeheure Geschichte zu Tage: Die Erschießung von KZ-Häftlingen auf heutigem Stadtgebiet; am 23. April wurden bei Mittelurbach die Leichen der Franzosen Bonal und Monjoin und am 25. bei Haisterkirch die der Deutschen Panhans und Spiegel aufgefunden. Die Franzosen waren aber bereits am Dienstag, dem 24. April, in Waldsee einmarschiert.

Auguste Bonal (*1898) war seit 1944 wegen Sabotage im KZ Schömberg inhaftiert. In Sochaux war er Betriebsleiter bei Peugeot und Chef des Fußballvereins; das Stadion trägt heute seinen Namen.

Lucien Monjoin (*1921) war auch seit 1944 wegen Sabotage im KZ Schömberg, möglicherweise war er Arbeiter bei Peugeot. Karl Panhans (*1893) aus dem Sudetenland und Julius Spiegel (*1903) aus dem Burgenland wurden beide vom KZ Buchenwald im März 1945 nach Dautmergen überstellt. Näheres ist nicht bekannt.

Wie kam es zu diesen Gräueltaten? Ab 1944 wurden um Balingen/ Spaichingen Außenlager des KZ Natzweiler unter dem Decknamen „Die Wüste“ zum Ölschieferabbau erstellt. Als die Franzosen 1945 näher rückten, evakuierten die Nazis die Lager. In so genannten „Todesmärschen“, die alle durch Oberschwaben führten, sollten die Inhaftierten Dachau erreichen. Dazu kam es nicht, weil Dachau inzwischen von den Amerikanern befreit worden war. Flüchtete ein „Schutzhäftling“ oder konnte vor Erschöpfung nicht mehr weiter, wurde er kaltblütig abgeknallt ...

Text: Michael Barczyk

 

Literatur: MICHAEL BARCZYK - GÜNTHER KIEMEL, Bad Waldsee - Zeugnisse aus Zeit und Zeitung, Bad Waldsee 1984; HANS GRIMM, Der Raketenpionier Erich Bachem, in: Im Oberland 2 (1992), 43-52; ARNO HUTH, Das doppelte Ende des „K.L. Natzweiler“ auf beiden Seiten des Rheins (Dokumentation der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg), Stuttgart 2013; BOGDAN MUSIAL, Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement, Wiesbaden 1999.

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